HSG Nordhorn : Nicky Verjans im Interview: „Ich bin durch und durch optimistisch”

_POSTEDBY Jörg Holländer (jhollaender) on Thursday, 24. April 2008
HSG Nordhorn

Die Fans nennen ihn gern den fliegenden Holländer. Kein Wunder: wenn Nicky Verjans so richtig in Fahrt ist und auf das Tor des Gegners zufliegt, dann trifft dieser Ausdruck voll ins Schwarze. Seit 2005 ist der Mann aus den Niederlanden in Nordhorn und hat sich trotz bescheidener Spielanteile in die Herzen der Fans gespielt. Jetzt steht der 20-Jährige möglicherweise vor dem größten Erfolg seiner noch jungen Karriere. Mit der HSG steht er im Finale des EHF-Cup. Darüber und über vieles mehr unterhielt er sich mit Arnulf Beckmann.

Die HSG Nordhorn steht im Europacup-Finale. Gibt es gegenwärtig überhaupt noch andere Gesprächsthemen in Nordhorn?
Verjans:
Kaum. Das Finale hat aus Sicht der HSG eine gewaltige Bedeutung. Die Mannschaft ist noch nie in einem Wettbewerb so weit gekommen. Und jetzt haben wir alle Möglichkeiten, den Pokal auch zu gewinnen.

Und die Fans? Die fiebern doch richtig mit, oder?
Verjans:
Für die ist das Finale das Gesprächsthema schlechthin. Wenn ich Leute auf der Straße treffe, wollen alle wissen, was ich über unseren Gegner Kopenhagen denke oder wie ich es finde, dass wir zuerst zu Hause antreten müssen.

Und? Wie ist Ihre Meinung dazu?
Verjans:
Das ist schwer zu sagen. Die Chancen stehen 50 zu 50. Egal, ob daheim oder auswärts: Wenn du den Cup gewinnen willst, musst du in beiden Spielen bestehen. Andererseits wird der Wettbewerb in Kopenhagen entschieden. Und vor heimischer Kulisse ist die Möglichkeit ein wenig größer, ein Match noch zu drehen. Aber ich bin durch und durch optimistisch.

Werden die Fans zum Rückspiel nach Kopenhagen so zahlreich anreisen wie zum Final Four nach Hamburg?
Verjans:
Das wäre toll, aber das geht leider nicht. Das Rückspiel findet in einer kleinen Halle statt, die nicht einmal 1.100 Besuchern Platz bietet und der Gastverein bekommt lediglich zehn Prozent der Tickets. Die waren natürlich rasch vergriffen. Das ist wirklich schade für ein Europacup-Finale. Ich hätte mir eine Atmosphäre wie in Aragon gewünscht, als mehr als 9.000 Besucher ein Höllenspektakel gemacht haben. Die Stimmung in Kopenhagen wird bestimmt auch klasse sein, aber die Halle ist einfach zu klein.

Haben Sie denn wenigstes für Familie oder Freunde ein paar Tickets bekommen können?
Verjans:
Darum habe ich mich natürlich sofort gekümmert. Meine Mutter wird dabei sein, mein Onkel, der zu vielen meiner Spiele kommt und natürlich meine Freundin.

Die Anreise jedenfalls sollte wenig beschwerlich ausfallen.
Verjans:
Stimmt. Wir werden mit unserem Mannschaftsbus fahren. Die Reise wird voraussichtlich acht Stunden dauern. Aber das war beim Auswärtsspiel in Balingen am vergangenen Samstag nicht anders.

Bei aller Europacup-Euphorie darf die HSG ihr Bundesliga-Programm nicht vergessen.
Verjans:
Das tun wir sicher nicht. Gegenwärtig sind wir Fünfter in der Liga. Diesen Platz haben wir ziemlich sicher. Jetzt werden wir nur noch nach vorne schauen und versuchen, den vierten Platz noch zu erreichen. Aber wir haben noch einige ganz schwere Spiele vor uns. Wenn wir noch etwas erreichen wollen, müssen wir immer 100 Prozent geben – und eine Überraschung beim Gastspiel in Kiel schaffen.

Platz vier könnte zur Teilnahme an der Champions League reichen. Ist das in der Mannschaft ein Thema?
Verjans:
Die Champions League ist gegenwärtig nicht unser Primärziel, weil das Europacup-Finale zurzeit unser großes Thema ist. Aber natürlich wollen wir unsere drei noch ausstehenden Heimspiele gewinnen. Dann sind wir nicht chancenlos im Kampf um Platz Vier, auch wenn die Rhein-Neckar Löwen, unser Konkurrent um Platz vier, das wesentlich leichteres Restprogramm haben.

Wie ist das eigentlich für Sie hinter einem Spieler wie Jan Filip auf Rechtsaußen. Hätten Sie gern mehr Spielanteile?
Verjans:
Als ich hierher kam, war klar, dass ich nur die Nummer zwei hinter Honza sein werde. Damals war ich 17 und sehr zufrieden damit, hier lernen zu können. Jetzt sind drei Jahre vergangen, und natürlich möchte ich gern mehr spielen. Aber das ist doch völlig normal. Sowohl Honza als auch ich kommen mit dieser Situation sehr gut klar.

Was sagt Trainer Ola Lindgren dazu?
Verjans:
Er versucht natürlich, mir Spielanteile zu geben. In Wilhelmshaven beispielsweise durfte ich von Beginn an spielen. Ola hat gesagt, ich soll ihm zeigen, was ich kann. Mir hat das Spiel sehr viel Spaß gemacht.

Wie ist das in der Nationalmannschaft?
Verjans:
In der Auswahl habe ich so jemanden wie Mark Schmetz vor mir.

Aber Spaß macht es doch trotzdem, oder?
Verjans:
Sehr viel Spaß. Wir spielen demnächst die EM-Quali gegen Spanien, die Ukraine, Litauen und Zypern. Für uns wird es schwer, dort Erster oder Zweiter zu werden, aber wir haben Chancen. Nur ist Holland nicht Schweden oder Deutschland, wo viel Geld im Handball bewegt wird. Ich finde das schade, weil ich glaube, dass das Team immer besser wird und mit einem guten Konzept, viel Training und ein wenig mehr Geld vieles möglich wäre.

Ist Nordhorn eigentlich Ausland für Sie?
Verjans:
Da ich aus Beek stamme und rund zweieinhalb Stunden brauche, um heimzukommen, empfinde ich Nordhorn als weit weg von daheim. Aber Holland vermisse ich nicht, weil ich in wenigen Minuten über die Grenze fahren kann, wenn ich will.

Was machen Sie eigentlich neben dem Handballsport?
Verjans:
Ich studiere Sportmarketing in Amsterdam, aber in Form eines Fernstudiums. Trotzdem muss ich ab und zu dahin. Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Ich erinnere mich noch, als ich nach einem Mittwochspiel in Berlin auf der Rückfahrt im Bus ein wenig geschlafen habe und nach der Ankunft in Nordhorn direkt ins Auto gestiegen bin, um nach Amsterdam zur Uni zu fahren. Das war heftig. Ich bin später in einem Lokal eingeschlafen. So etwas mache ich nicht noch einmal.

In Ihrer Anfangszeit waren Sie Gast im Hause Jürgen Beckers, dem langjährigen Vorsitzenden der HSG Nordhorn.
Verjans:
Anfangszeit? Ich habe 14 Monate dort gewohnt. Das hat mir super gefallen. Er und Johanna waren sensationell. Bei den beiden habe ich mich richtig zuhause gefühlt. Das war schon richtig Familie. Ich habe damals mein Abitur in Oldenzaal gemacht. Im Wechsel mit Henk Groener und Melanie Tebbel haben mich auch Jürgen und Johanna hingefahren oder abgeholt.

Und heute?
Verjans:
Heute habe ich meine eigene Wohnung und einen Führerschein. Ich habe rasch gelernt, eigenständig zu leben und für mich selbst zu sorgen.

Ich hörte, es gibt noch einen weiteren Handballer in Ihrer Familie.
Verjans:
Stimmt. Mein Bruder spielt in Beek. Der ist 18 Jahre alt und ein durchaus talentierter Mittelmann. Mit meiner Mannschaft ist er gerade holländischer Jugendmeister geworden. Er hat auch schon in der 1. Holländischen Liga gespielt. Ich werde ihn so gut es geht unterstützen und ihm mit meiner Erfahrung helfen.