Reiner Witte kann auf eine ganz beachtliche Handball-Vita zurückblicken. In Habenhausen, dem Heimatverein von THW-Manager Uwe Schwenker lernte der Rechtsanwalt und zweifache Familienvater das Handballspielen von Schwenkers Papa Hinrich, der ihn damals trainierte. Über den TV Grambke fand er nicht nur den Weg in die Bundesliga, sondern kam als Torwart sogar zu fünf Länderspielen. Als langjähriger Vorsitzender des Norddeutschen Handballverbandes stieß er 2002 als Vizepräsident Recht zum DHB. Seit einer knappen Woche ist der 53-Jährige Präsident der TOYOTA HBL.
Seit dem vergangenen Samstag sind Sie nun Präsident der TOYOTA HBL. Wie kam es zum Wechsel vom Verband zur Liga?
Witte: Seit längerer Zeit sind Gespräche zwischen der TOYOTA HBL und mir gelaufen. Es bedurfte einer gewissen Überzeugungsarbeit, da meine Lebensplanung in eine andere Richtung ging. Aber am Ende siegte die Begeisterung für eine neue und hochinteressante Aufgabe.
Ist die Herausforderung im Profihandball größer als im Verband?
Witte: Sie ist anders. Zwar sind sowohl HBL als auch DHB Verbände, doch hast du im DHB weniger Tagesgeschäft. Das muss man vergleichen mit den Jobs eines Bundestrainers und eines Bundesligacoaches. Der Mann aus der Liga steht ständig in der Halle und muss täglich Entscheidungen treffen, der Bundestrainer hat da ein weitaus vielfältigeres Aufgabengebiet.
Bis zum DHB-Bundestag im Oktober in Hamburg bleiben Sie noch Vizepräsident des Verbandes. Bekommen Sie diese Doppelfunktion unter einen Hut?
Witte: Das wird sich weisen. Am 6. Juli tagt das Erweiterte Präsidium (EP). Dann werden wir darüber reden, ob und wo es zu möglichen Interessenkollisionen kommen kann. Natürlich habe ich sämtliche Präsidiumsmitglieder unmittelbar nach meiner Wahl davon unterrichtet. Ich habe noch einige Aufgaben im DHB zu erledigen und möchte dort niemanden im Regen stehen lassen. Doch noch ist nicht ganz klar, ob ich diese Doppelfunktion bis Oktober innehaben werde oder ob ich das Amt bis zur Wahl eines Nachfolgers ruhen lasse.
Sie haben gesagt, Ihre vordringliche Aufgabe sei es, den Konflikt zwischen den Vereinen der TOYOTA HBL und dem europäischen Verband im Sinne der Liga zu lösen. Was heißt das konkret?
Witte: Die TOYOTA HBL hat einen Vertrag mit der Sport A, der Rechteverwertungs-Gesellschaft von ARD und ZDF. In diesem Vertrag geht es auch um das Magazin Liga 1. Die TV-Anstalten möchten natürlich sehr gern in ihren Sendungen die Spiele der Spitzenteams senden. Doch solange die EHF ihre Champions-League-Spiele am Wochenende ausgetragen lässt, werden unsere Spitzenvereine nicht in der Liga spielen können.
In diesem Zusammenhang fordern Sie vehement eine Vereinheitlichung des Spielplans im Sinne der Zuschauer.
Witte: Ich gehe davon aus, dass die EHF weiß, was wichtig ist. Sie lebt in erster Linie von starken Vereinen. Doch die sind nur dann stark, wenn sie ihr Produkt auch stark anbieten können. Dazu gehört sicher die sportliche Qualität, dazu gehört aber auch die Berechenbarkeit aus Sicht der Zuschauer. Das ganze Wirrwarr im Spielplan führt doch nur zu Irritationen zwischen den Vereinen, den Zuschauern, den TV-Partnern und den Sponsoren. Und wenn die Besucher nicht mehr kommen, die TV-Sender weniger übertragen und in der Folge Sponsorengelder ausbleiben, fehlt irgendwann auch die Qualität. Deshalb muss es einen geregelten Spielplan geben, der allen die erforderliche Transparenz gewährt.
Das klingt nach einem gordischen Knoten, der nur mit Gewalt zu durchschlagen ist.
Witte: Glaube ich nicht. Im Fußball finden alle Spiele eines Spieltags am Wochenende statt, warum soll das im Handball nicht auch möglich sein. Ich bin da sehr zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden werden, mit der alle Beteiligten zufrieden sein werden.
Im Sinne der TV-Partner wäre das auch, oder?
Witte: Selbstverständlich. Dabei geht es um partnerschaftliches Umgehen miteinander, um dem Sinn des Vertrags gerecht zu werden. Wir haben zwar nirgendwo festgeschrieben, welche Vereine und welche Spiele am Samstag in der Zusammenfassung gezeigt werden. Wenn aber die Spitzenvereine in der Masse nicht am Wochenende spielen, dann muss die Liga ihrem Partner zu diesen Spielen verhelfen.
Die Ligaversammlung hat am Wochenende der eingleisigen 2. Liga eine Absage erteilt. Wie stehen Sie dazu?
Witte: Der Ligaversammlung wurde der Antrag erst gar nicht vorgelegt, nachdem eine zweitliga-interne Abstimmung ein entsprechendes Meinungsbild bot. Jetzt gilt es für die Präsidiumsmitglieder zu überlegen, ob dieser Plan zu den Akten gelegt wird oder ob wir uns offensiv weiter damit beschäftigen wollen. Ich habe da meine sehr konkreten Vorstellungen, aber ich werde die Entwicklung zunächst einmal abwarten. Wir sollten mit allen Beteiligten auch weiterhin das Gespräch suchen.
Was gibt es sonst noch zu bearbeiten? Wie denken Sie beispielsweise über das gegenwärtige Lizenzierungsverfahren?
Witte: Ich werde mir in den kommenden Wochen einen Überblick über alle Dinge verschaffen. Dazu gehört natürlich auch das Lizenzierungsverfahren. Meiner Meinung nach ist das in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches professioneller geworden. Kein Wunder: Es sind ja auch ausgesprochen kompetente Leute damit betraut. Seit Jahren ist kein Verein mehr in der laufenden Runde aus wirtschaftlichen Gründen ausgestiegen. Sicherlich kann man hier und da die Stellschrauben noch ein wenig anziehen, aber ich werde nie ein Freund davon, Vereinen einen Mindestetat abzuverlangen, wie es nun beispielsweise die französische Frauenliga macht. Jeder soll mit seinem Etat wirtschaften, vorausgesetzt es wird seriös gearbeitet.
Im Zivilberuf sind Sie Anwalt. Werden Sie der Liga auch mit rechtlichem Rat zur Seite stehen?
Witte: Das wird weiterhin Andreas Thiel als Justiziar der TOYOTA-HBL tun. Wenn es erforderlich werden sollte, tausche ich mich gerne mit ihm aus, aber in allen Rechtsfragen und in Fragen von Satzung und Ordnung bleibt er Ansprechpartner Nummer eins.