TV Grosswallstadt : Michael Roth (Trainer des TV Großwallstadt) im Interview

_POSTEDBY jhollaender (jhollaender) on Saturday, 04. October 2008
TV Grosswallstadt

Seit dreieinhalb Jahren trainiert Michael Roth nun den TV Großwallstadt. Der Mann, der einst mit seinem Zwillingsbruder Uli für die Nationalmannschaft spielte und in der Bundesliga unter anderem für Großwallstadt, Schwabing und TUSEM Essen aktiv war, hat als Coach schon schlechtere Zeiten erlebt. Gegenwärtig erfahren er und seine jungen Wilden sehr viel Anerkennung. Erst recht, nachdem das Team am vergangenen Wochenende den favorisierten HSV Hamburg berraschend bezwang. In einem Interview sprach der heute 46-Jährige über den Erfolg des TVG und dessen Perspektiven.

Sie haben am vergangenen Wochenende den Meisterschaftskandidaten HSV Hamburg vor eigenem Publikum schlagen können. Hand aufs Herz: Haben Sie ernsthaft damit gerechnet?
Roth:
Aufgrund zahlreicher guter Ergebnisse im Vorfeld dieses Spiels, die uns zwar keine Punkte gebracht haben, war ich ganz zuversichtlich. Wir haben in Magdeburg, in Mannheim und in Kiel viel Selbstvertrauen getankt, weil wir gespürt haben, dass wir ganz dicht dran sind. Aber um einen solchen Sieg wie gegen Hamburg einzufahren, muss an einem Tag eben alles passen. Und das war so am vergangenen Samstag.

Auch wenn die Ergebnisse nicht ganz gepasst haben – in Magdeburg und in Mannheim verlor Ihr Team mit einem Treffer, in Kiel hielt der TVG über 50 Minuten gut mit – darf man durchaus von einem sehr guten Saisonstart sprechen, oder?
Roth:
Wir hatten gleich zu Anfang ein Höllenprogramm zu absolvieren und – nimmt man das Pokalspiel dazu – in sieben Spielen fünf Auswärtsbegegnungen. Zwei Spiele mussten wir gewinnen, damit die Situation hier nicht kritisch wird: gegen Essen und gegen Dormagen. Die Siege waren wichtig, um hier in aller Ruhe weiterarbeiten zu können. Zudem belegen die anderen Ergebnisse, dass der stark verjüngte Kader ganz offenbar eine Grundqualität besitzt, die uns eine deutlich verbesserte Wettbewerbsfähigkeit gibt. Offensichtlich haben wir richtig gelegen, als wir vor rund einem Jahr die große Umstrukturierung geplant und auch umgesetzt haben.

Es hätte alles sogar noch ein wenig besser sein können…
Roth:
Möglicherweise, wenn wir gegen die Rhein-Neckar Löwen nicht am ersten Spieltag, als alles noch offen war, gespielt hätten, sondern in der Phase ihrer großen Verunsicherung. Zudem fehlte bei uns aufgrund der Verletzungen von Oechsler und Hallgrimsson die Möglichkeit des Wechselspiels. Insofern war das schon sehr in Ordnung, was wir gespielt haben.

Wo liegen denn die Gründe für den Leistungsschub?
Roth:
Schon in der vergangenen Saison haben wir uns hier zusammengesetzt und beschlossen, einen Schnitt zu machen. Du kannst nicht immer nur Indianer, sondern musst auch einmal Häuptlinge austauschen. Das war im Fall von Heiko Grimm eine durchaus schwere Entscheidung. Zudem sind wir mit den Verpflichtungen von jungen Spielern wie Michael Müller oder Stefan Kneer durchaus ins Risiko gegangen. Aber offenbar haben wir alles richtig gemacht.

Gleich fünf der jungen TVG-Spieler gehören zum neuen Kader von Heiner Brand. Ist das eine Momentaufnahme oder wird das nun eine Dauereinrichtung?
Roth:
Wenn wir viel Glück haben, entsteht hier mit Michael Müller, Stefan Kneer und Jens Tiedtke eine Art Bermuda-Dreieck. Zudem hat auch Michael Spatz einen Riesensprung in seiner Entwicklung gemacht. Am meisten freut es mich allerdings für Andreas Kunz, der zu den effektivsten Linksaußen der Liga zählt. Er fällt nicht unbedingt so auf, hat aber über 60 Minuten die besten Werte.Er hat die Nominierung absolut verdient.

Ganz offenbar entsteht hier in Großwallstadt gerade sehr viel Gutes.
Roth:
Als ich vor dreieinhalb Jahren hierher kam, steckte der Verein gerade mitten in der Basisarbeit, um sich von einem Dorfklub zu einem professionell geführten Verein zu entwickeln. Das ist heute vollzogen. Leute wie Ballmann oder Schnobrich haben die Marke TVG wieder weit nach vorne gebracht. Mitte der 90er Jahre spielte das Team zum Teil vor weniger als 1.500 Besuchern in Aschaffenburg. Das hat sich längst zum Positiven gewandelt. Jetzt wollen wir mit den jungen Leuten den nächsten Schritt machen und uns langfristig im internationalen Geschäft etablieren.

Auch das Handball-Leistungszentrum ist Teil der neuen Philosophie des TVG.
Roth:
Weil wir mutig genug sind, junge Spieler, die sich dort entwickeln, auch einzusetzen. Die Dinge werden hier in Großwallstadt mit sehr viel Weitsicht angegangen. Sicher kann man im Nachhinein immer leicht sagen, dass alles richtig war. Mit unserem Konzept und der sukzessiven Steigerung unseres Etats sollte es uns gelingen, wieder dauerhaft ins internationale Geschäft zurückzukehren. Der Verein hat Tradition, er arbeitet seriös – und wenn jetzt noch ein großer Sponsor käme, wäre hier sogar noch viel mehr drin. Aber auch die Anerkennung, die wir gegenwärtig für unsere Arbeit ernten, ist manchmal mehr wert als eine deutsche Meisterschaft.